Thursday, November 10, 2022

Der Israelit 70 (1929) Heft 8 (21.2.1929)

Der Israelit 70 (1929) Heft 8 (21.2.1929)

Personalien.

Rabbiner Dr. John Cohn 20 Jahre.

Breslau, 15. Februar.

Es ist in altjüdischen Kreisen nicht Sitte, Geburislage zu feiern.Pharao hat Geburtstage gefeiertl heißt

eine ostjüdische Redensart. Diese Scheu vor Geburtsagefeiern hängt nicht allein mit dem jüdischen Volls-

glauben, seine Tage nicht zu zählen, zusammen, sondern

hat seine liefere Begründung in dem uralten Bibelworte:

das Geborenwerden, das Leben an sich ist kein persönliches

Verdienst, das gefeiert zu werden, als bedeutsame Epoche

gewürdigt zu werden verdient. Nicht die runde Zahl

Fünfzig oder Siebzig geben dem Leben des Einzelnen

eine höhere Bedeutung, sondern jeder Tag soll dem teligiösen Juden beleutungsvoll sein, ihn vor eine Auf habe der Pflichtsfeüllung gegen Gott und Nebenmenschen stellen. 

Nie soll ein jüdischer Mensch von sich sprechen: Mein Leben ist bisher ein erfülltes gewesen; vielmehr eder kommen de Tag stellt neue Forderungen an ihn.

Erst des Lebens Grenze kündet seine Vollendung.

Nur bei zwei Jahresgrenzen hat die allgemeine füdische Scheu vor dem Geburtstagefeiern Halt gemacht: vor der Zahl Siebzig und Achtzig, auch gemäß dem bekannten Psalmenwort: Unser Leben währet siebzig Jahre und bei voller Kraft achizig Jahre. 

Diese Altersgrenzen enthalten eine solche Zielsetzung aller Lebensenergien, daß sie als Wegscheide, als Probe für das können und di Leistungen des Menschen gewerket wer den dürfen.

So wird es Herr Rabbiner Dr. John Cohn-Breslau trotz seiner wohlbekannten Abneigung vor dem Gefeiert werden überhaupt wie vor dem Geburtstagfeiern im

gesonderen uns nicht übelnehmen, daß wir seinen siebzigsten Geburtsag nicht ohne einige Worte der Würdigung und Berehrung seiner Persönlichkeit vorübergehen lassen.

Personnel.
Rabbi Dr. John Cohn 20 years.
Wroclaw, February 15.

It is not the custom in ancient Jewish circles to celebrate birthdays. Pharaoh celebrated birthdays is an Eastern Jewish saying. 

This reluctance to celebrate birthdays is not only due to the Jewish faith in not counting one's days but but also has its justification in the ancient words of the Bible: being born, life itself, is not a personal merit that deserves to be celebrated, to be honored as a significant epoch. Not the round number fifty or seventy gives a higher meaning to the life of the individual, but every day should be full of joy for the religious Jew, putting him in front of a task of fulfilling his duty towards God and his fellow men. 

A Jewish person should never speak of himself: My life has been a full one so far; rather, each coming day makes new demands on him.

Only the limit of life announces its completion. The general Jewish shyness about celebrating birthdays has stopped only at two annual limits: at the number seventy and eighty, also according to the well-known Psalm word: Our life lasts seventy years and with full strength eighty years. 

These age limits contain such an objective of all life energies that they may be used as a crossroads, as a test for the ability and the achievements of man.

Thus, Rabbi Dr. John Cohn-Breslau, despite his well-known aversion to celebrations in general and to birthday celebrations in particular, will not hold it against us.

We will not take it amiss that we do not let the seventieth anniversary of his birth pass without a few words of appreciation and honor for his personality.


Rabbiner John Cohn entstammt einem altjüdischen Rabbinerhause. 

Seine Jugend verbrachte er in Ultona, als dieser Ort noch eine der führenden Thorapflang tätten Deutschlands gewesen und noch Talmudgrößen von Weltruf wie Jakob Etllinger, Dr. M. Löb, Rabbiner Munk, Rab Zekew Cohn u. a. zu den ihren zählte, zu deren Füßen unser Jubilar noch gesessen hat und deren Lieblingsschüler er schon in frühesten Knabenjahren gewesen. 

(Schon mit neun Jahren hat John Cohn in der Ultonaer Hauptsynagoge einen halachischen Vortrag ge halten.)

Nach Absolvierung des Gymnasiums (Christiareum) in Altona ging er, im Talmudischen wie im Weltlichen gleich gut vorgebildet, ans junggegründete Berliner Rabbinerseminar, wo er zu den ersten Schülern von Dr. Cgriel Hildesheimer und David Hoffmann und Jakob Barth זצ"ל zähle. Nach Beendigung seiner Sludien am Rabbinerseminar und der Universität Berlin, wo er mit einer arabischen Arbeit über Saadja seinen Doktortitel erwarb, kam er in noch jungen Jahren als Rabbiner nach Wreschen, 1894 als Kreisrabbiner nach Rawisch. In beiden Gemeinden war die Ver  bundenheit zwischen Rabbiner und Gemeindemitgliedern eine ungewöhnlich innige. 
Rabbi John Cohn comes from an old Jewish rabbinical house. 

He spent his youth in Altona, when this place was still one of the leading Torah places in Germany and still had Talmud greats of world renown such as Jakob Ettlinger, Dr. M. Löb, Rabbi Munk, Rabbi Zekew Cohn, and others, at whose feet our jubilarian still sat and whose favorite student he was at an early age. 

(Already at the age of nine John Cohn gave a halachic lecture in the main synagogue in Altona).

After graduating from the Gymnasium (Christiareum) in Altona, he went, equally well educated in Talmudic and secular matters, to the newly founded Berlin Rabbinical Seminary, where he was among the first students of Dr. Cgriel Hildesheimer and David Hoffmann and Jakob Barth זצ"ל. After completing his studies at the rabbinical seminary and the University of Berlin, where he earned his doctorate with an Arabic thesis on Saadja, he came to Wreschen as rabbi while still young, and to Rawisch as district rabbi in 1894. In both communities, the bond between rabbi and community members was unusually close. 

Das Schicksal jedes Enigelnen ging ihm so nahe wie Selbsterlebtes, größtes wie
leinstes Erleben seiner Gemeinkekinder ging ihm an die eigne Seele, für Heiliges und Alltägliches war er ihr Vater und Berater. So ist es nicht verwunderlich, daß alle Wreschner und Rawitscher ihrem Rabbiner Cohn bis heute eine rührende Anhänglichkeit bewahren.

Infolge der geänderten politischen Verhältnisse verließ er nach einer sechsundzwanzigjährigen segensreichen rab  binischen Tätigkeit Rawitsch und übernahm 1919 als Dajan die Leitung des Raschruswesens in Breslau.

Was Rabbiner Cohn hier in nahezu zehnjährigen unermüdlichen Bemühungen um die mustergültige Ausgestal tung der Raschrus-Institutionen der Gemeinde sich an
Verdiensten erworben, wie es ihm auf diesem Gebiete gelungen, sich den Zuspruch und das bedingungslose Ver trauen auch derjenigen Gemeindemitglieder zu sichern,
die die strengsten rituellen Forderungen stellen, wie er ür das Breslauer Israelitische Krankenhaus den Ruf Absoluter ritueller Zuverlässigkeit neu begründete, wie er
bei aller religiöfen Unbestechlichkeit durch seine persönliche entwaffnende Liebenswürdigkeit und kluge Vernittlungskunft alle Widerstände zu beseitigen, alle Gegensätze zu versöhnen verstanden hat — dies alles ist den Eingeweihten wohl bekannt. 

Auch ist es Rabbiner Cohn privatim gelungen, einen Kreis von Freunden und
lerneifrigen Schülern um sich zu scharen, die in allen Tages- und Abendzeiten bemüht sind, von dem reichen talmudischen Wissen und den allgemein weltlichen Geitesschäfzen des Jubilars Nuhzen zu ziehen.

Doch beschränkte sich die Lebensarbeit des Jubilars nicht auf die Wirksamkeit in den einzelnen Gemeinden. 
Ihm war auch eine reiche wissenschaftliche Tätigkeit nach
rußen beschieden. Neben vielen Eingelartikeln in Zeitchriften und Beiträgen in Festschriften sei als sein Hauptwerk seine Mischna-Uebersetzung genannt
(in Zusammenarbeit mit anderen namhaften Gelehrten), die bei ihrem Erscheinen von fachwissenschaftlicher Seite (jüdischer wie nichtjüdischerheils) als die beste ihrer Arl
gerühmt wurde und auch in Laienkreisen begeisterte Auf nahme und Verbreitung gefunden hat. 

Feinsinnige Sprach und Uebersetzungskunft und scharfsinnig wägende
Knappheit machen das profunde Werl, besonders seiner gelehrten Fußnoten wegen, zu einer Fundgrube für Laien und Gelehrte. 

Auch wird sein מבוא התפילה (eine Einführung in den Sprachschaß des Gebetbuchs) in pädagogischen Fachtreisen hochgeschätzt und ist schon seit Jahren vergriffen. 

Bekannt ist weiter in Fachkreisen seine Geschichte der Juden in Rawilsch. 

שם משמן טוב, besser als feinstes Oel ist ein guter Name. Das Bild von Rabbiner Dr. John Cohn wäre unvollständig, wenn wir nicht als Leßtes, Höchstes noch ein Wort von feinem guten Namen, von seinem Menschentum sagen würden. Rabbiner Cohn als Mensch ist das Köstlichste, was wir von ihm zu rühmen wissen. Gradsinn, Schlichtheit, die sich ihres Wertes wohl bewußt ist, Hergensfrämmigkeit, Herzensoptimismus, ein offener klüger
Blick fürs Leben, eine kompromißlose Wahrheits- und Wissensliebe, eine alles versöhnende, alles verklärende Liebe zu den Menschen und Dingen bis zum kleinsten Geschöpf, ein mahrer - 

אוהב שלום ורודף שלום אוהב את הבריות ומקרבן לתורה 

dies sind einige der auszeichnenden Eigenschaften von Rabbiner John Cohn, die ihn zu einem echten Priester und Jünger aus Aarons Stamme machen. Mögen dem ehrwürdigen Jubilar noch viele Jahre segensreichen Wirkens in der Gemeinde Breslau beschieden sein. Möge ihm vor allem die זכיה unermüdlicher Astivität, die ihm wie wenigen seines Alters eignet, noch weitere Jahrzehnte erhalten bleiben.

The fate of every grandchild was as close to him as his own experience, the greatest and the smallest experience of his community children touched his own soul, for holy and everyday things he was their father and advisor. So it is not surprising that all the Vreshners and Rawitchers retain a touching attachment to their Rabbi Cohn to this day.

As a result of the changed political circumstances, he left Rawitsch after twenty-six years of blessed rabbinic activity and in 1919 took over the leadership of the Raschrus in Breslau as Dajan.

What Rabbi Cohn achieved here in almost ten years of untiring efforts to shape the community's Rashruz institutions in an exemplary manner.

He has succeeded in securing the approval and unconditional trust of even those members of the congregation who had the strictest ritual demands, how he reestablished for the Breslau Israelite Hospital the reputation of Absolute Ritual Reliability how he, with all his religious incorruptibility, through his personal disarming kindness and clever reasoning, was able to eliminate all opposition, to reconcile all opposites - all this is well known to the initiated. 

In his private life, Rabbi Cohn also succeeded in gathering around him a circle of friends and eager students who, at all times of the day and evening, endeavored to draw nourishment from the rich Talmudic knowledge and the general secular wisdom of the jubilarian.

But the life work of the jubilarian was not limited to the effectiveness in the individual communities. 
He was also rich in scientific activities in Prussia. In addition to many articles in periodicals and contributions to commemorative publications, his main work is his translation of the Mishnah.
(in cooperation with other renowned scholars), which was praised by scholars (both Jewish and non-Jewish) as the best of its kind and was also enthusiastically received and disseminated in lay circles. 

Sensitive language and translation and astutely weighing brevity make the profound value, especially because of its scholarly footnotes, a treasure trove for laymen and scholars. 

Also, his מבוא התפילה (an introduction to the linguistic schema of the Prayer Book) is highly regarded in educational circles and has been out of print for years. 

His history of the Jews in Rawilsh is also well-known in professional circles. 

שם משמן טוב, better than the finest oil is a good name. The picture of Rabbi Dr. John Cohn would be incomplete if we did not say, as the last, highest thing, one more word of fine good name, of his humanity. Rabbi Cohn as a human being is the most precious thing we know to praise about him. Discretion, simplicity, piety, optimism, an open, intelligent view of life, an uncompromising love of truth and knowledge, an all-reconciling love for people and things down to the smallest creature, a true - 

אוהב ורודף שלום אוהב את הבריות ומקרבן לתורה 

These are some of the distinguishing characteristics of Rabbi John Cohn, which make him a true priest and disciple of Aaron's tribe. May the venerable jubilarian have many more years of blessed service in the Breslau community. May the זכיה of untiring activity, which is characteristic of him as of few of his age, remain with him for more decades to come.




No comments:

Post a Comment